Der Stand des Müllers aus eigener Erfahrung Erinnerungen von Prof. Dr. Otto Schöffl
Schon als Volksschüler merkte ich deutlich, dass ich als Müllersohn anders als die Bauernkinder war. Ich war eben „von der Mühl“. Ich spürte das allgemeine Spannungsverhältnis zwischen Müllern und Bauersleuten. 
Eine Mühle ist so ganz anders als die Bauernhäuser, so laut, so geheimnisvoll, viel Holz, alles bewegt sich… Wenn meine Mitschüler mit ihren Eltern mit „in die Mühle“ fuhren, bettelten sie, ich solle ihnen die Mühle zeigen. Dabei wollten sie aber gar nicht die Mühle sehen, das heißt die Walzen, Sichter usw. oder gar das Werden des Mehles verfolgen und verstehen. Nein, sie wollten sich fürchten, erschauern. Ich musste ihnen die so genannte Montierung zeigen, das ist der „Keller“, in dem die großen Räder, vor allem das Kamprad waren und die riesige Transmission. Es war laut, finster, feucht und gruselig dort. Eindrucksvoll war auch das Maschinenhaus mit dem für damalige Verhältnisse wuchtigen Elektromotor und den großen Übersetzungen, um die Drehzahl an die des behäbigen Wasserrades anzupassen. Der Höhepunkt meiner Führungen aber war jeweils das Wasserrad: zuerst das Wasserhaus oberhalb des Wasserrades, dort wo das Wasser durch den großen Rechen kommt und unter fürchterlichem Getöse auf das oberschlächtige Rad stürzt. Dann das Rad in seiner ganzen Größe mit 2 Meter Breite und einem Durchmesser von 5 Meter. Sie hatten allesamt Angst, sogar die Erwachsenen, die auch nur zögernd und mit dem nötigen Respektabstand das Wasserrad bestaunten. Meine Führungen wurden immer routinierter. Ich wusste bald, was meine Gäste von mir erwarteten, und das bekamen sie dann auch reichlich.
Mein Großvater war sehr freundlich und eher kleinwüchsig, trotzdem hatten die Bauern großen Respekt vor ihm. Sogar meiner Mutter, eine der ganz wenigen Frauen als Müllermeisterin, als sie dann die Mühle betrieb, zollten alle größte Achtung. Ich meine, dass dies damit zu tun hat, dass der Müller seine Arbeit nicht unter Aufsicht der Kunden ausübt, dass die Mühle mit ihren vielen dunklen, schwer zugänglichen Orten für viele eben unheimlich wirkte und dass der Müller so viele Dinge konnte, die sie selbst nicht konnten: Er war handwerklich geschickt, er konnte Säcke zubinden wie sonst niemand, schwere Säcke schultern, weil es dabei nicht so sehr auf rohe Kraft wie auf Geschicklichkeit ankam, er konnte rasch und sicher im Kopf ausrechnen, wie viel Mehl, Grieß, Kleie sie für ihr Getreide bekamen, und vieles mehr. Ein gewichtiger Grund war wohl auch, dass er nicht so oft und so lange im Wirtshaus sitzen konnte, weil er auch im Winter, an den Regentagen, an den Abenden, in der Nacht arbeitete.
Im fortgeschrittenen Alter, das Mühlensterben hatte schon viele unserer Mühlen erfasst, habe ich mich gefragt, was ist mit diesen ehemaligen Mühlen geschehen. Wenn ich erschöpft von meinem Lehrberuf ausspannen musste, besuchte ich die benachbarten Mühlen. Ich kannte ja noch viele der dortigen Müllerfamilien. Ich wurde überall freudig begrüßt. Im Gespräch merkte ich aber schon, dass den alten Müllermeistern die Arbeit in ihren Mühlen sehr fehlte. Mit Begeisterung erzählten sie von früher. So vieles konnte ich dabei erfahren, dass ich alles niederschrieb und später dann in Büchern festhielt.


